Wenn Übersetzer und Dolmetscher über Honorare sprechen, geht es häufig um traditionell verankerte Modelle der Bezahlung. In Deutschland werden Übersetzer beispielsweise nach Anzahl der Wörter und Zeilen bezahlt. Die gängigen Preise sind sowohl den Agenturen als auch Kunden bekannt, und so können sich Profis einschätzen, wie viel Geld ein oder anderes Projekt bringt.

In diesem Blogbeitrag möchte ich auf Übersetzerhonorare eingehen und überlegen, ob die etablierten Modelle vielleicht obsolet sind.

Traditionelle Berechnungsmodelle

Als traditionelle deutsche Berechnungsmodelle gelten Wort- oder Zeilenpreise. Mit den Zeilen sind dabei Zeilen à 55 angefangene Anschläge gemeint. Ausgegangen wird mal vom Text, der übersetzt werden muss (Ausgangstext), mal von der fertigen Übersetzung (Zieltext). Da der Kunde natürlich vorab wissen möchte, wie viel er/sie bezahlt, wird in der Regel der Preis für den Ausgangstext kalkuliert (mehr darüber erfährt ihr demnächst in einem Blogartikel von Alexandra Jordan).

Es gibt jedoch Situationen, in denen der Text auf Papier eingereicht wird (z. B. Texte bei Gericht). Deswegen steht im Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz (JVEG), dass die Berechnung aufgrund des Zieltextes erfolgt. Die im JVEG festgelegten Sätze für Justizübersetzungen werden mitunter als Mindestrichtwert für Honorare in Deutschland betrachtet („mindest“, weil die Justizbehörden als „sicherer Schuldner“ eingestuft werden können).

Als Übersetzer und Unternehmer möchte man jedoch wissen, wie diese Wörter- und Zeilenpreise in die Stunden- und Projektpreise umgerechnet werden. Dafür gibt es ein sehr nützliches Online-Tool, den Translator’s Converter.

Die Abrechnung nach Worten oder Zeilen ist auf dem Übersetzermarkt etabliert und deswegen wundert es niemanden, wenn der Kunde nach dem Wort- oder Zeilenpreis fragt.

Als Unternehmer denken!

Allerdings bewegen wir alle uns auf einem freien Markt und können daher nicht nur eigene Produkte oder Dienstleistungen, sondern auch neue oder unkonventionelle Berechnungsmodelle anbieten. Vor allem muss man daran denken, dass die Berechnungsmodelle in anderen Berufsgruppen auch unterschiedlich sind und vielleicht auch dem Kunden bekannter und vertrauter sind.

Texter, Lektoren und Korrektoren rechnen zum Beispiel auf Stundenbasis, Dolmetscher mit Tagessätzen ab. Deswegen ist es gar nicht verkehrt, die Gründe dafür zu kennen und eventuell das eine oder andere Berechnungsmodell aus einer anderen Branche abzuschauen. Welche Modelle gibt es da?

Spotify & Co.

Jeder kennt das Abonnement. Monatlich wird ein Beitrag abgebucht, der nicht richtig schmerzt, aber den Zugang zu wertvollem Content bietet. Übertragen auf die Übersetzerbranche würde das bedeuten: Wenn man einen Kunden hat, der regelmäßig kleine Texte schickt, die später als Sammelrechnung bezahlt werden, dann könnte man ausprobieren, in einem Rahmenvertrag einen festen Betrag mit dem Kunden auszuhandeln. Vorteil: weniger Buchhaltungskram sowohl für den Kunden, als auch für den Übersetzer. Vorsicht: der Umfang der zu übersetzenden Texte muss am Anfang festgelegt werden, sonst verwandelt sich dieses Modell in ein „All you can eat“-Buffet, was zeitaufwändig oder gar unwirtschaftlich werden kann. Also unbedingt sauber kalkulieren!

Preiswert, solide Mittelklasse, Luxussegment

Das kennt ihr sicher auch – manche Abos werden in drei Varianten angeboten, und ihr könnt die passende davon wählen. Gar nicht schlecht! Besonders praktisch wäre das für Übersetzer, die sich mit Postediting arbeiten (im Artikel von Andreas Rodemann könnt ihr mehr dazu lesen). Light-Post-Editieren, Full-Post-Editieren oder eine Humanübersetzung als „Luxusprodukt“ anzubieten, wäre keine schlechte Idee. Ebenso könnt ihr überlegen, ob ihr dieses Modell auch auf andere Produkte und Dienstleistungen übertragen könnt: Übersetzung – Transkreation, Dolmetschen als Begleitung für Privatkunden – Dolmetschen bei Verhandlungen etc. Denkt unternehmerisch und kreativ!

Projekthonorar

Als besonders wirtschaftlich wird oft das Projekthonorar genannt, der sowohl für den Freiberufler als auch für den Kunden Vorteile hat. Dabei rechnet man nicht nur die eigentliche Dienstleistung (Übersetzung) ein, sondern auch die Zeit für Beratung, Telefonate, Angebotserstellung etc. Es bleibt euch überlassen, welche Positionen ihr in den Projektpreis hineinrechnet. Für den Kunden ist der Projektpreis von Vorteil, weil der Kunde den Festpreis sieht und einschätzen kann, ob er sich darauf einlässt oder nicht.

Mindesthonorar

Für Anfänger ist es sehr wichtig, dieses Detail zu erwähnen: Auch, wenn es eine kleine Übersetzung ist, müsst ihr wirtschaftlich handeln. Es muss sich lohnen, den Laptop aufzuklappen. Vergesst also nicht, einen persönlichen Mindestauftragswert festzulegen. In der Regel werden Angebote kostenlos verschickt, auch wenn das Zusammenstellen eines Angebots Arbeitszeit bedeutet. Für eine kurze Übersetzung ist es jedoch sinnvoll, einen Mindestwert festzulegen.

Online-Shop

Wenn man eine eigene Website erstellt, kommt eventuell ein Webshop in Frage. Online-Shops werden mittlerweile von unterschiedlichen Anbietern bereitgestellt, allerdings sind insbesondere bei internationalem Angebot viele rechtliche Fallstricke zu beachten. Für Kunden ist es sehr bequem, eignet sich aber eher für wiederkehrende Standardprodukte!

Vorteile: leichter Bestellvorgang für den Kunden. Nachteile: Neben dem technischen Aufwand sind man viele rechtliche Einzelheiten zu beachten, die im Bereich Online-Verkauf gelten. Hier sollte man sich zunächst rechtliche Beratung holen.

Pay as much as you want

Obwohl es dieses Modell wirklich gibt, wäre ich vorsichtig mit einer Empfehlung, da ich das selbst nie ausprobiert habe. Ich erwähne es der Vollständigkeit halber: Meistens wird es in Blogs eingesetzt, wenn der Blogger viele Leser hat und einen Spendenbutton auf der Website platziert. In Mannheim gibt es auch eine Bar (Dankbar), die erfolgreich mit dem Modell arbeitet und bis jetzt nicht geschlossen wurde.

Ich hoffe, dass die oben genannten Honorarmodelle euch geholfen haben, die eigene Honorarpraxis zu überdenken und noch daran zu „schrauben“. Insbesondere solltet ihr keine Angst davor haben, Erster zu sein und neue Modelle auf den Markt einzuführen!

Wie kann ich neue Honorarmodelle einführen?

Das Einführen neuer Berechnungsmodelle ist einfacher, wenn ihr Direktkunden habt. Agenturen haben bestimmte Abläufe und bauen wegen einem freiberuflichen Übersetzer nicht unbedingt ihr funktionierendes System um. Daher – Privat- oder Firmenkunden – Hauptsache, das sind eure direkten Kunden. Wenn ihr das Verkaufen eigener Dienstleistungen als „Win-Win-Situation“ und ein bisschen wie ein Spiel sieht, ist es leichter, mit dem Kunden zu verhandeln und vielleicht ein experimentelles Honorarmodell auszuprobieren. Schließlich wissen auch wir als Kunden bequeme Zahlungsmodelle und gute Dienstleistungen zu schätzen.

Dieser Artikel wurde für den Deutschen Verband der freien Übersetzer und Dolmetscher (DVÜD e. V.) geschrieben.

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